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 Hugo Kükelhaus

Leben und Werk

"Leben ist ein fortwährendes Üben."

 

1900 geboren am 24. März in Essen;

Vater: Hugo Kükelhaus sen., Schriftsteller, mittelständischer Wirtschaftspolitiker, Mitorganisator der beruflichen Selbstverwaltungskörper des deutschen Handwerks;

Mutter: Marie Kükelhaus, geb. Hovestadt;

zwei Schwestern; Brüder Heinz und Hermann: beide Schriftsteller

 

1919 Abitur, danach Lehr- und Wanderjahre als Bau- und Möbelschreiner

 

1925 Meisterprüfung, Studium in Heidelberg, Münster, Königsberg: Schwerpunkt Soziologie, Philosophie, Mathematik (Logik), Physiologie

 

1930 Heirat mit Emilie, geb. Scharpenack (1898 - 1986) aus Kettwig/Ruhr; 1934 wird Sohn Friedrich und 1937 Tochter Barbara geboren; Innenarchitekt in Bochum;

Beginn freier gestalterischer Arbeit und journalistisch-schriftstellerischer Tätigkeit

 

1931 Nach dem Tod des Vaters Übernahme der Fachzeitschrift „Das Tischlergewerk“; mit Unterbrechungen Herausgeber bis 1943; von 1948 bis 1956 freier Mitarbeiter der Zeitschrift

 

1934 Umzug nach Caputh bei Potsdam

 

seit 1934 Mitarbeiter des Alfred Metzner Verlages, Berlin, als Herausgeber: Reihe „Schriften zur deutschen Handwerkskunst“ (1935 ff.), „Die deutsche Warenkunde“ (1939 ff.) und als Autor „Urzahl und Gebärde“ (1934); „Werde Tischler“ (1936); Vorträge, Schulungen, Organisation von Ausstellungen; Mitarbeit im „Deutschen Handwerks-Institut“ und „Kunstdienst“ (Berlin)

 

1939 Entwicklung der „Greiflinge Allbedeut“, eines Sortiments von Holzspielzeugen für Kleinstkinder

 

1939-1945 Soldat, zeitweise freigestellt zur handwerklichen Schulung und Rehabilitation körperbehinderter Verwundeter; Mitglied des Widerstandskreises um Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg;


1940 – 1941 auf dessen Betreiben Landeshandwerkspfleger in Schlesien

 

1949-1954 Wohnung in Wamel am Möhnesee; Haus und Grafikwerkstatt Kätelhön

 

1950-1953 Lehrtätigkeit an der Werkschule Münster (heute Fachhochschule für Design), „Bildgeschichten vom Träumling“ (1951/1952), „Das Wort des Johannes“ (1953)

 

seit 1954 Umzug nach Soest, Bergenthalpark; seitdem ausschließlich freiberufliche Tätigkeit als Schriftsteller (Anthropologie, Kulturkritik, Architektur, Sinnesphysiologie und -therapie, Pädagogik) und bildender Künstler (Zeichnung, Plastik, Glaskunst u.v.m.); Vortrags- und Seminartätigkeit; Mitarbeit bei der innenarchitektonischen Ausstattung von zahlreichen Kirchen und öffentlichen Gebäuden

 

1957 künstlerische Gestaltung der Ev. Erlöserkirche in Essen - Glasfenster, Farbgebung und Innenausstattung

 

um 1960 Intensivierung der theoretisch und experimentell durchgeführten Untersuchungen über die Sinnesprozesse; Entwicklung des „naturkundlichen Spielwerkes“

 

1966 Stahlwand im Foyer des Stadttheaters Dortmund mit Fritz Kühn

 

1967 Beteiligung an der Weltausstellung in Montreal mit ca. 12 Spiel- und Erfahrungsgeräten des

„naturkundlichen Spielwerkes“ sowie an der 2. internationalen Schulausstellung in Dortmund

 

1973 Unmenschliche Architektur; Beratung und künstlerische Mitarbeit im Sinne einer „organgesetzlichen“ Architektur beim Bau von Schulen, Kindergärten, Industriebetrieben

 

1975 Erste Präsentation des „Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne“ bei der Internationalen Hand- werksausstellung „EXEMPLA“ in München; seitdem Wanderausstellung des „Erfahrungsfeldes“ in zahlreichen Städten Deutschlands und der Schweiz

 

1977 Gründung des Arbeitskreises für eine organgesetzliche Lebensgestaltung „Organismus und Technik e.V.“ in Deutschland und in der Schweiz

 

1977-1982 Projekt eines „Sinneserfahrungsfeldes“ als Dauereinrichtung im Park des Schlosses Cappenberg

 

1978 Konrad-von-Soest-Preis des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe

 

1982-1984 Planung und Bau des „Hauses Graubner“ in Herrischried (Südschwarzwald)

 

1984 gestorben am 5. Oktober in Herrischried;

Grabstätte in Mustin bei Ratzeburg, dem Wohnort seiner Tochter



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Lebensskizzen des Hugo Kükelhaus

 

Hugo Kükelhaus (1900 - 1984)

- Skizzen seines Lebens -

von Jürgen Münch

hu „Leben ist ein fortwährendes Üben“

Hugo Kükelhaus

 

Hugo Kükelhaus war sicherlich ein ungewöhnlicher und vielseitiger Denker und Anreger des 20. Jahrhunderts. 2009 jährt sich sein Todestag zum 25. Mal. Doch seine Ideen haben ihre Aktualität nicht eingebüßt. Als Wegbereiter eines ganzheitlichen pädagogischen Ansatzes wies er immer wieder auf die Bedeutung unmittelbarer Körper- und Sinneserfahrungen als Grundlage menschlicher Bildung hin. Was wir zurzeit eindringlich als negative Folgen  einer  jahrzehntelangen  Geringschätzung  vielfältigster körperlicher  und  sinnlicher  Erfah-

rungsmöglichkeiten - insbesondere im Hinblick auf Wahrnehmungs-, Bewe- gungs- und Lernstörungen bei Kindern

- in Kindergarten und Schule beobach- ten, bestätigt ihn immer wieder aufs Neue.  „Mit  den  Sinnen  leben“  und

„Leben ist Schwingung“ verstand Kükelhaus als Appell für ein aktives, auf vielfältigen Erfahrungen beruhen- des Leben und Lernen.

Lange bevor er seine Ideen in dem von ihm entwickelten „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne“ verbreiten konnte,  waren  es  vor  allem  seine

 

Vorträge,  in  denen  er  diesen  Appell sehr anschaulich selbst vorlebte. „Sein 98 Hugo Kükelhaus.

Foto Stadtarchiv Soest, Bildarchiv

 

Vortragsstil war unablösbar von den Inhalten, sein Reden versetzte in die Schwingung, um die es ihm ging, notfalls mit Hilfe eines tibetanischen Gongs. … Eine Stimme, die anstößt, auffordert, einlädt zum Mit-Tun.“ umschreibt es der Kükelhaus-Kenner Elmar Schenkel. Und so zog Kükelhaus selbst noch fünf Tage vor seinem Tod die Zuhörenden in einem mehrstündigen Vortrag durch eine ungeheure Präsenz und Lebendigkeit in seinen Bann.


Kükelhaus vertrat einen humanistischen Bildungsbegriff im klassi- schen Sinne: Bildung bedeutete für ihn die Ausbildung und Gestaltung aller im Menschen angelegten Fähigkeiten und Begabungen, damit der Mensch sich zu einer allseits entwickelten Persönlichkeit entfalten kann. Immer wieder hob er aber auch hervor, dass der Mensch sich letztlich nur selbst bilden könne. Doch dazu brauche er eine Umgebung - „eine ihm entgegenstehende Welt“ - die vielfältigste Anregungen und Erfah- rungsmöglichkeiten  biete,  eine  Umgebung  also,  in  der  er  genügend

„Spiel-Raum“ für seine „Eigen-Tätigkeit“ habe. Dies spiegelt sich auch in Titeln seiner Schriften wieder, wie „Hören und Sehen in Tätigkeit“,

„Fassen, Fühlen, Bilden“, „Lernen durch Entdecken“, „Über das Erleben von Naturgesetzen im Spiel“, „Der kindliche Organismus als pädagogi- sches Subjekt“ …


In den achtziger Jahren zu den Jugendunruhen in Zürich befragt, bemerkte er: „Was dort explodiert, ist das nicht gelebte Leben.“ Und auf die Frage, ob der Bau eines Jugendhauses die Lösung sei, sagte er nur:

„Sparen Sie sich den Bau, geben Sie den jungen Menschen einen Bauplatz und Material … “

Eine Antwort, die vielleicht zunächst verblüfft, die aber sofort um so verständlicher wird, wenn wir erfahren, dass Hugo Kükelhaus ursprüng- lich aus dem Handwerk kam, dem er sein Leben lang mit Leib und Seele verbunden blieb. Darüber hinaus hatte er zu diesem Zeitpunkt einen lan- gen und sehr bewegten Lebensweg durch alle Perioden und Umbruchphasen des 20. Jahrhunderts hinter sich, so dass jede andere Antwort sogar unwahrscheinlich gewesen wäre.


Nach dem Abitur im Jahre 1919 begann er zunächst eine Tischler- lehre. Dazu äußerte er sich später einmal in einem Fernsehinterview: „Als ich mein Abitur hatte, sah ich, wie meine Klassenkameraden sofort in die akademischen Berufe gingen, die Karriereleiter empor kletterten. Mein Vater fragte mich: Sag mal, jetzt ist der Punkt gekommen, wo du dich ent- scheiden musst - was willst du werden? Ich habe gesagt, ich hätte, ehrlich gesagt, nur einen Wunsch: keinen Beruf zu haben. Darauf sagte er: Das ist ein sehr vernünftiger Entschluss, aber du musst dir klar sein darüber, dass das gute Nerven braucht; und ferner, dass das Nervenkostüm, das du noch hast - du bist noch jung - sich dadurch erhält und steigert und entfaltet, dass du ein Handwerk lernst.“


Nach Lehr- und Wanderjahren, die er mit der Meisterprüfung ab- schloss, nahm er dann doch noch ein Studium auf - allerdings eine Art

„Studium Generale“ ohne festes Berufsziel in Soziologie, Philosophie, Mathematik und Physiologie. Im Anschluss daran war er als Innenarchitekt in Bochum tätig und begann mit freien gestalterischen Arbeiten, begleitet von einer journalistisch-schriftstellerischen Tätigkeit, die ihren ersten Höhepunkt 1934 in der Veröffentlichung des Buches

„Urzahl und Gebärde“ fand.


Schon früh war er fasziniert von den Maß- und Zahlenverhältnissen, Harmonien, Rhythmen und Gestaltungskräften, die aller Gestalt - sowohl in Kunst- und Kulturgeschichte als auch in der Natur - zu Grunde liegen. So trug er für dieses Buch eine Fülle von Material aus allen Zeiten, Kulturen und Wissenschaften zusammen. Er verfolgte damit vor allem eine pädago- gische Absicht: die Wiederentdeckung und Kultivierung einer ursprüng- lichen Gestaltungskraft des Handwerks, die zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie verloren schien. Er versuchte, dem Handwerk Impulse zu geben. Die Handwerker sollten sich auf ihre Ursprünge besinnen. Kükelhaus woll- te, dass sie „Lust an neuer Formgebung gewinnen“. Sie sollten die Stärken ihres Handwerks erfahren und sich eigenständige - auch neue - Märkte erschließen und nicht der Industrie hinterher laufen. Darüber hinaus war das Handwerk für ihn ein Bildungsträger, der nicht verloren gehen durfte.


Kükelhaus verstand die Entwicklung und Übung eines Gefühls für Maße, Proportionen und Formen durch „eigentätige“ Erfahrung von Qualitäten, die in Urformen und Zahlen stecken, nicht als eine inhaltslee- re Technik, die es rein rational zu erfassen gilt. Und noch weniger sah er darin ein romantisierendes „Zurück“, sondern ein in die Zukunft weisen- des, umfassendes Lebens- und Erziehungsprinzip im Sinne einer ästhetischen Erziehung, und das nicht nur für den gestaltenden Handwerker, sondern für den Menschen überhaupt. Denn alles, was den ganzen Menschen fordert - mit Kopf, Herz und Hand - hat immer eine positive Rückwirkung auf eben den ganzen Menschen. Vor diesem Hintergrund folgte zwei Jahre später sein zweites Buch „Werde Tischler“.


Dieses leidenschaftliche Engagement für das gestaltende Handwerk war es aber auch, das Kükelhaus in den dreißiger Jahren produktiv wer- den ließ für die nationalsozialistische Kulturpolitik. So arbeitete er nach seinem Umzug nach Caputh (bei Potsdam) in Berlin unter anderem für das „Deutsche Handwerksinstitut“ und den „Kunstdienst“, für den er die Schriftenreihe „Deutsche Warenkunde“ herausgab. Und nachdem er anfänglich der Bewegung positiv gegenüber stand, vor allem wegen der Möglichkeiten, die das neue System für die Entfaltung des Handwerks versprach, wandte er sich bald immer mehr davon ab, nachdem die Totalität und vor allem Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus ihm immer deutlicher wurden. So pflegte er nicht nur Kontakte und Freundschaften zu Künstlern, die in dieser Zeit als „entartet“ galten, son- dern vor allem zu Menschen aus dem Widerstand, insbesondere zu Mitgliedern des „Kreises 20. Juli“ und dessen Umfeld.


Ende der dreißiger Jahre entstanden dann auch seine Spielzeugentwürfe für Kleinstkinder, die Spielzeuge „Allbedeut“. Nachdem er sich schon län- ger auf der Grundlage seiner Arbeiten für „Urzahl und Gebärde“ mit den Bedingungen und der Bedeutung der menschlichen Wahrnehmung ausein- ander gesetzt hatte, kamen nun noch die Beschäftigung mit der Pädagogik Fröbels und der an Bedeutung gewinnenden Entwicklungspsychologie hinzu. So unterstrich er die Wichtigkeit vielfältiger sinnlicher Erfahrungen von Geburt an mit der Entwicklung von Holzspielzeugen zur Förderung der Sinne in den ersten Lebensjahren. Unter der Bezeichnung 'Greiflinge' erhielten sie später zahlreiche Auszeichnungen und Kükelhaus wurde durch sie zum Wegbereiter heutiger Greifspielzeuge für Kleinstkinder. Insbesondere in diesem Zusammenhang betonte er immer wieder die Bedeutung gerade schwacher Umweltreize für die Förderung der Entwicklung des Menschen: „Schwache Reize wirken auslösend, mäßige Reize entwickeln, starke Reize hemmen und überstarke zerstören.“


Die Autoren des Buches „Holzspielzeuge aus aller Welt“, Erhardt Heinold und Hans-Jürgen Rau, beschreiben sie wie folgt: „Der Künstler Hugo Kükelhaus hat aus Urformen ein Spielzeug entwickelt, für das er die Begriffe „Greiflinge“ und „Allbedeut“ geprägt hat. Diese Greiflinge sprechen in harmonischer, kindgerechter Form die noch im Kinde schlummernden Sinne und Fähigkeiten an. Das Kind lernt an ihnen nicht nur tasten und ergreifen; durch die vielen warmen Holztöne wird das Auge angesprochen, und dem Ohr werden zahlreiche Geräusche gebo- ten, deren Intensität das Kind selbst bestimmen kann. Stets neue Formen und Bewegungsabläufe fördern die Beobachtungsgabe.“


Mit Kriegsausbruch wurde Kükelhaus Soldat, zeitweise wurde er in den vierziger Jahren freigestellt für die Handwerkspflege und für die handwerkliche Schulung und Rehabilitation körperbehinderter Verwunderter.


Unmittelbar nach dem Krieg engagierte Kükelhaus sich für den Wiederaufbau des Handwerks in Brandenburg. Gleichzeitig versuchte er, vor Ort Selbsthilfeprojekte zu initiieren, um die Bevölkerung in die Lage zu versetzen, sich eigenhändig Dinge des alltäglichen Bedarfs mit einfach- sten Mitteln herzustellen. Er selbst versuchte, sich und seine Familie mit dem Verkauf von Aquarellen und Zeichnungen sowie durch schriftstelle- rische Arbeiten über Wasser zu halten. Nachdem die Lebensbedingungen in der damaligen so genannten „Ostzone“ immer unerträglicher wurden, flüchtete die Familie Kükelhaus 1948 unter schwierigen Bedingungen in den Westen, um noch einmal ganz neu anzufangen.


Zunächst am Möhnesee wohnhaft, dauerte es noch zwei Jahre, bis Kükelhaus eine Lehrtätigkeit an der Werkkunstschule Münster annahm, die er aber 1953 wieder aufgab. Er empfand den institutionellen Lehr- betrieb als zu einengend. Deshalb, aber auch aufgrund seiner früheren Erfahrungen, war er seitdem nur noch freiberuflich tätig, um als unab- hängiger, freier Mensch keinen institutionellen Zwängen mehr unterwor- fen zu sein.


Er  arbeitete  gestalterisch  und  künstlerisch  in  vielfältiger  Form:  als Entwerfer von Möbeln, als lllustrator (zum Beispiel von handwerklichen Herstellungsverfahren) und Grafiker, als Bildhauer, als Zeichner und Verfasser von Bildgeschichten und Parabeln wie den „Bildgeschichten vom Träumling“. Viele seiner Arbeiten waren architekturgebunden: Farbgestaltung von Innenräumen, Sgraffitos und Wandmalereien, Bauplastiken und Farb- glasfenster in Schulen und Kirchen. Er forschte über Goethe, setzte sich weiterhin mit grundlegenden Fragen handwerklicher Formgebung aus- einander und schrieb philosophische Essays. Einen starken Eindruck von seiner gestalterischen Kraft vermitteln seine kalligraphischen, vielfach illustrierten Briefe und Buchmanuskripte sowie auch die Einrichtung sei- nes Wohnhauses in Soest, einer verfallenen Fachwerkscheune, die er 1954 zu seinem „unbezahlbaren Haus“ umbaute.

Trotz dieser Vielfältigkeit standen seine Tätigkeiten immer in Korrespondenz miteinander. Er war 'disziplin-los' im besten Sinne des Wortes: Er verschrieb sich keiner Fachrichtung, stellte aber Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen her. Vor allem aber war er stets neugierig auf die Welt wie ein Kind und akzeptierte keine Schranken des Denkens.


Auch ließ ihn das Thema „Sinne und Wahrnehmung“ nicht wieder los und wurde zum Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeiten, so auch in seinen weiteren Schriften wie „Das Wort des Johannes“ (1953), „Organismus und Technik“ (1971), „Unmenschliche Architektur“ (1973) und „Entfaltung der Sinne“ (mit Rudolf zur Lippe, 1982). „Die Entwicklung des Menschen wird von derjenigen Umwelt optimal gefördert, die eine Mannigfaltigkeit wohl- dosierter Reize gewährleistet. Ungeachtet der Frage, ob diese Reizwelt von physischen oder sozialen Verhältnissen und Faktoren aufgebaut ist - die Vielgestaltigkeit der Umwelt ist Lebensbedingung,“ fasste Kükelhaus seinen Ansatz zusammen.


Auf der Suche nach praktischer und methodischer Umsetzung seiner Erkenntnisse führten ihn seine Arbeiten über die sinnliche und körperli- che Wahrnehmung zur Entwicklung des „Naturkundlichen Spielwerks“, den ersten Bausteinen des späteren „Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne“. Kükelhaus hatte in der intensiven Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt Goethes dessen Ansatz der Farbenlehre auf weitere Bereiche physikalischer Phänomene übertragen. Hierbei ging es darum, wie solche Phänomene durch die Wahrnehmung auf den menschlichen Organismus wirken, und bewusst nicht um ihre wissenschaftlich physika- lische Beschreibung und Erklärung. An den „sinnes-gymnastischen“ Geräten des Spielwerks konnten nun die Gesetze der „äußeren Natur“ (wie z.B. Schwerkraft, Schwingung, Schall und Farbe) und die physiologi- schen Gesetze der „inneren Natur“ (Sinnesvorgänge des Sehens, Hörens, Tastens und der Körperbewegung) zu vegetativ unmittelbarer Erfahrung gelangen. Kükelhaus wollte hiermit vor allem Kinder ansprechen, für die solch ein aktives Erkunden ein intensives Erleben des eigenen Körpers ermöglicht.


Gleichzeitig stellt das Spiel ja eine Grundform des kindlichen Lernens dar. Die Pädagogin Erika Hoffmann erläutert dazu: „Das führt zu der pädagogischen Konsequenz, Kinder im freien Spiel sich vertraut machen zu lassen mit physikalischen Grundgesetzen, zuerst in leibhafter Erfahrung, ohne das Geschehen schon rational zu durchschauen. Das Staunen, wie funktioniert das, ist schon eine zweite Stufe. Zunächst ist das Kind von seinem Tun und der durch es hervorgerufenen Wirkung als Phänomen ganz erfüllt.“ Das „Naturkundliche Spielwerk“ wurde erst- mals auf der Weltausstellung 1967 in Montreal präsentiert.


Lebhaft beschäftigte Kükelhaus sich auch mit Fragen des Bauens, insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung von Schulen und Kinder- gärten. Hören wir dazu noch einmal Erika Hoffmann: „Von dieser Überlegung her verwirft Kükelhaus die Kindergärten und Schulen mit schonungslos einströmendem Licht ebenso wie das Projekt einer moder- nen fensterlosen Grundschule (ein Plan aus Neu-Isenburg, Kreis Offenbach, Oktober 1970, gegen den Eltern Protest einlegten), um den Kindern bei künstlichem Licht das „Lernen durch Ausschalten von Umwelteinflüssen zu erleichtern“. Notwendig seien „baukörperlich rhythmische Räume..., die durch ihre Zustandsunterschiede eine dauern- de Provokation der Bewegungs- und Sinnessysteme darstellen. Spiegelglatte Fußböden aus Kunststoff, asphaltierte Schulhöfe, lange gerade Flure und konstante Überfülle an Helligkeit verhinderten die organische Fortentwicklung der Sinnes- und Bewegungssysteme. Konstant starke Reize stumpfen ab und ermüden; die Wahr- nehmungsprozesse bedürfen der minimal wechselnden Unter- schiedlichkeit der Reizeinwirkungen.“ Für Kükelhaus war menschenge- rechtes, maßvolles Bauen und Gestalten ein lebenslanges erzieherisches Anliegen. Es ging Kükelhaus darum, Menschen Erfahrungen zu ermög- lichen, sie anzuregen und zu ermutigen, selbst Fragen danach zu stellen, wie sie ihre Lebensbereiche gestalten können, damit sie - und insbeson- dere ihre Kinder - sich mit all ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten ent- falten können, anstatt immer mehr in „Ersatzwelten“ zu leben.


Doch erst mit der Weiterentwicklung des „Naturkundlichen Spiel- werkes“ zum „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne“ gelang es Kükelhaus, einem wirklich breiten Publikum seine Anliegen nahe zu brin- gen. Das 'Erfahrungsfeld' wurde seit der Mitte der siebziger Jahre in vie- len Städten Deutschlands und der umliegenden Länder gezeigt.

Es wäre natürlich im wahrsten Sinne des Wortes „un-sinnig“ - wo Kükelhaus eigentlich auf die für die kindliche Entwicklung bedeutsamen Zusammenhänge aufmerksam machen will - mit Stationen des Erfah- rungsfeldes Bildungseinrichtungen zu möblieren, denen es ansonsten an jeglicher sinnlicher Qualität  fehlt. Vielmehr  bietet die  Ausein- andersetzung mit seiner Grundhaltung und dem dahinter stehenden Menschenbild eine sehr „handgreifliche“ Methode, nach Gestaltungs- kriterien von Bildungseinrichtungen und auch von Bildungsprozessen zu suchen. Beide, Einrichtungen und Prozesse, müssen den Menschen genü- gend Spielraum lassen für eigene Erfahrungen und eigenes Ausprobieren jenseits allen Perfektionismus.


Immer muss der ganze Mensch herausgefordert sein, denn, so Kükelhaus: „Was uns erschöpft, ist die Nicht-Inanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Sinne, ist Ihre Ausschaltung, Unterdrückung (…) Was aufbaut, ist Entfaltung. Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit einer mich im Ganzen herausfordernden Welt,“ oder, wie er es an anderer Stelle einmal ausdrückte: „Geknackte Nüsse sind keine Nüsse ... da können Sie jedes Eichhörnchen fragen!“

(Jürgen Münch ist Vorsitzender der Hugo-Kükelhaus-Gesellschaft

e.V.  in  Soest  und  hat  sich  mit  verschiedenen  Schriften  über  Hugo Kükelhaus und das Erfahrungsfeld einen Namen gemacht -

www.hugo-kuekelhaus.de).




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